HURE Performance

[…] Isabelle McEwen setzt in ihrer Dramatisierung von Nelly Arcans „Hure“ den Fokus anders als die Bestseller-Vorlage: nicht aufs langatmige Hadern mit individuellen familiären Ursachen. Stattdessen arbeitet sie jenseits aller Verletzungen ihrer Protagonistin deren unendliche, unzerstörbare Sehnsucht nach dem Urgefühl zärtlicher Liebe heraus. Und die wird umso stärker spürbar, je länger, öfter und rauher sich der Alltag des Sex-Geschäfts mechanisch wiederholt. Im Aufspüren solch verschütteter Gefühle, in der Entblößung nicht nur des Äußeren, sondern tiefster Seelenschichten erreicht dieses Inszenierung ihre größte Intensität. Sie entlarvt die mentalen Selbstschutz-Rituale der Hure und deren Selbstbetrug ebenso wie den der armselig stumpfen Freier. Die perfekt eingesetzte Integration von Tanz, gesprochenem Wort, Videosequenzen und Rockmusik – immer getragen von der faszinierenden Ausstrahlung von Lea Fresenius und dem musikalischen Ein-Frau-Kraftwerk Catharina Boutari – macht das unversöhnte Nebeneinander von Illusionen, Sehnsüchten und bitterer Realität mit Augen und Händen greifbar und diesen Abend zu einem Theaterereignis, das fesselt und lange nachklingt.

Hans-Jürgen Fink (Hamburger Abendblatt)

Catharina Boutari, To the limits of a world (Ballade)

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